TEACCH und PECS

Im Internet finden sich zahlreiche Erläuterungen zu den Ansätzen von TEACCH oder auch PECS. Wir halten es daher für redundant an dieser Stelle eine weitere hinzuzufügen.

Zu TEACCH
Wer für sein Kind als höchstes Ziel das betreute Wohnen im strukturierten / ritualisierten TEACCH-Universum erreicht sieht, für den ist diese Methode bestimmt gut. Das Versprechen für uns Eltern lautet, „auch wenn ihr nicht mehr seid, kann euer Kind ein sicheres (weil strukturiertes) und daher glückliches (weil ritualisiertes) Leben führen.“ Wir von AuJA haben im Gegensatz dazu als erklärtes Ziel unseren AS-Kindern ein Höchstmaß von Autonomie und Selbstbestimmung entsprechend der eigenen Neigungen inmitten unserer Gesellschaft zu ermöglichen. Weil wir wissen, dass im Leben der Wandel die einzige Konstante ist, fördern wir mit AuJA vorrangig die Flexibilität und Spontaneität. Wer auf Veränderungen nicht flexibel oder doch mit Gelassenheit reagieren kann, wird sich im sozialen Gefüge niemals selbstbewußt bewegen können. Die Unabhängigkeit von Institutionen oder Experten, selbstbestimmt, eigenverantwortlich und glücklich sind in Teilen oder gänzlich erreichbare Ziele.

Zu PECS
Wenn klar ist, dass die Unfähigkeit zu sprechen nicht durch eine körperliche Einschränkung bedingt ist, sehen wir PECS kritisch.

Exzerpt aus dem Buch „Die Kraft der Akzeptanz – Der Schlüssel zur Entfaltung unserer besonderen Kinder“ (Autor: Deniz Döhler, voraussichtliches Erscheinungsdatum 2017):

Das erste Mal TEACCH und PECS

„Du weißt, wie lange er braucht, um irgendwo anzukommen“. Ja, das weiß ich nur zu gut. Seit Luka in unseren Augen Autismus hat, haben wir angefangen, in seiner Gegenwart öfters über ihn zu reden, was wir vorher nie gemacht haben. Das gefällt mir gar nicht. Ich werfe Chrishy kurz einen Blick zu, wende mich dann an Luka. „Entschuldige bitte Luka, ich bin ein wenig aufgeregt. Ich weiß, du brauchst deine Zeit. Komm, lass uns nach oben gehen. Oben gibt es dann bestimmt einen Spielraum nur für dich. Komm, lass uns gucken gehen“. Ich bin mir nicht sicher, ob er alles von dem versteht, was ich ihm sage, aber ich will nicht damit aufhören, nur weil er nun dieses oder jenes Label bekommen hat. Ich drücke den Klingelknopf und die Tür öffnet sich. Wir betreten ein nobles Treppenhaus mit Spiegel und gepflegtem Läufer. Sich am verzierten Geländer festhaltend meistert Luka mit sichtlicher Mühe die Stufen bis zum 1. Stock, seine Beine bewegt er im Nachstell Schritt. Frau J. öffnet uns lächelnd die Tür. „Hallo Luka“, sagt sie in warmherzigem Ton. „Schön, dass du gekommen bist“. Luka betritt zögerlich mit uns die Praxis und wir werden an offenen Büroräumen vorbei zu einem Tisch mit Stuhl und Hocker geleitet. „Ich bin gleich wieder bei Ihnen“, sagt Frau J. zu uns und kommt nach einer Weile mit einem Spielzeug in den Händen zurück. „Hier Luka, guck mal, das möchte ich dir gerne zeigen. Komm mit deiner Mama und deinem Papa mit mir mit ins Spielzimmer“. Während sie mit ihm spricht, bewegen sich ihre Hände in bestimmten Gesten. Ist das eine Art Gebärdensprache? Um ihr zu zeigen, dass Luka jetzt sprechen kann und Sprache auch gut ohne Gebärden versteht, schaue ich ihm voller Liebe in die Augen und mit voller Energie und Enthusiasmus  und sage“ Willst du getragen werden? Hoch“? Hoch?. 1 Berlin-2 Berlin-3 Berlin 4 Berlin 5-Berlin, zähle ich innerlich und halte voll freudiger Erwartung mit meinem ganzen Körper, meiner ganzen Liebe die Spannung. Luka schaut mich nach 18- Berlin an und sagt „hoch“. „Au Ja. Luka.“ hoch“, und ich nehme in auf meinen Arm. Frau J. steht daneben und lächelt. „Oh, Luka du kannst ja schon toll reden. Super“. Ein paar Meter weiter will er wieder runter und allein gehen. Er versucht sich aus meinem Arm zu lösen. „Ich verstehe nicht, was du willst, Luka“, stelle ich mich freudig etwas dümmer, als ich eigentlich bin. „Willst du runter? Runter?“. Und Luka ruft „unter“. Ich setze ihn ab. „Danke, dass du mir das sagst. Du kannst so gut reden“. Vorbei sind die Zeiten, in denen Chrishy und  ihm fast telepathisch jeden Wunsch von den Augen oder im seinem Falle vom Grunzen, Weinen oder unsere Körper Schupsen ablesen mussten. Ich bin mir nun sicher, ihm auf diese Weise nicht mehr optimal zu helfen. An jedem der offenen Türen bleibt Luka kurz stehen und schaut hinein. Die Mitarbeiter winken ihm von ihren Bürotischen zu. Wir folgen Frau J. in einen extra für Luka vorbereiten Spielraum mit Piklergeräten, einem Tisch und Stühlen aus Holz in Lukas Höhe mit bunten Bechern und Malstiften darauf. In einer Ecke gibt es eine Rutsche, Kissen und eine Kinderwiege mit einer Puppe darin. In der Mitte des Raumes steht eine Box aus Pappe auf dem Holzfußboden. Sie hat runde und viereckige Ausschnitte, daneben liegen die passenden farbigen Bauklötzer. „Schön“, sagt Chrishy, „Guck mal wie viel Mühe sie sich hier für Luka geben“. Gespannt setzen wir uns auf Kissen in der hintersten Ecke des Raumes, Luka weicht nicht von unserer Seite, setzt sich auf meinen Schoss und nimmt meine Hände in die seinen. „Guck mal, was ich hier habe“, sagt Frau J., „einen Karton“. Doch Luka bleibt bei uns sitzen, sucht unsere Nähe. Frau J. setzt sich zum Pappkarton und nimmt einen viereckigen Bauklotz in die Hand. „Schau mal Luka, was ich damit mache“. Sie zeigt ihm wie der viereckige Bauklotz durch die viereckige Öffnung passt. Luka beobachtet sie dabei, bleibt aber bei mir auf dem Schoss, beginnt mit meiner Hand zu spielen. Ich lasse ihn, freue mich, dass Frau J. ihm Zeit gibt, hier anzukommen. Sie spielt einfach alleine weiter mit ihren Klötzern und nimmt öfters Kontakt mit ihm auf. Die meiste Zeit ist Luka aber in seiner Welt und mit seinen und meinen Händen beschäftigt. Seine Unterlippe hat er eingezogen und nuckelt der weilen rhythmisch daran. Ich will ihr gerne sagen, dass die Chancen steigen, wenn sie wartet, bis er wieder im Grünen Licht ist , sozusagen online, halte mich aber zurück. Ich habe Chrishy und mir selbst versprochen, keinen Statuskampf über Kompetenz vom Zaun zu brechen wie bei Dr. X oder Fr. Dr. Y. Nach 15 Minuten steht Luka auf, geht zum Pappkarton und fängt an, ihn mit seiner Hand immer wieder anzustupsen. Frau J. bleibt bei ihrem Bauklotz. „Guck mal, der gehört da rein“. Und schwups verschwindet der Klotz im Karton. Luka stupst wieder den Karton an und der macht ein interessantes Geräusch dabei. So geht es ein paar Minuten. Luka stupst und Frau J. versenkt Bauklötze. Dann bemerkt Luka, dass man den Karton auseinander bauen kann da er nicht sehr fest zusammengebaut ist. Er versucht, den Deckel abzumontieren. „Typisch“, flüstere ich Chrishy zu. Ein Fehler im System – und Luka hat ihn gefunden. „Nein Luka, wir wollen ihn jetzt nicht auseinander nehmen. Nein“, sagt Frau J. bestimmt.

Sie nimmt ihm den Karton aus der Hand und zückt eine Karte auf der eine Sonne mit weinenden Augen und mit einem roten X abgebildet ist. Na toll, denke ich mir. Jetzt kriegt er gleich am Anfang der ersten Sitzung ein Nein und dann wird ihm auch noch beigebracht, dass man weint und unglücklich sein muss, wenn man nicht bekommt was man möchte oder ein Nein zu hören bekommt. Oder wie soll ich diese Zeichnung interpretieren? Ich merke wie sich mein Nacken ein wenig verspannt. Ruhig bleiben Deniz, entspann dich. Gib der Frau eine Chance. Sie will uns und Luka helfen.

Es passiert, wie es passieren muss. Luka findet sich durch das Nein von Frau J. bestätigt und geht erneut zum Pappkarton, noch bestimmter und zielstrebiger in seiner Mission, ihn auseinander zu bauen. „Wir können mit dem Karton spielen“, entgegnet sie, „so“. Sie zeigt ihm erneut wie ein viereckiger Bauklotz durch eine viereckige Öffnung passt. Doch Luka ist mehr daran interessiert, den Karton auseinander zu nehmen. Mensch, was für eine Chance für Interaktion, denke ich mir. Nimm ihn doch mit ihm zusammen auseinander, möchte ich ihr am liebsten zurufen. Wenn das sein Interesse ist, folge ihm doch. Ich sage aber nichts, schaue nur Chrishy an und ziehe dabei meine Augenbrauen hoch. Sie kneift ihre Augen ein wenig zusammen und schüttelt leicht ihrem Kopf. Ja, okay,nur jetzt keine negative Stimmung verbreiten. Deniz, bleib positiv. Bleib positiv. Plötzlich fliegt ein Bauklotz durch den Raum. Luka hat ihn geworfen. Frau J. packt demonstrativ die Bauklötze ein und zückt erneut die ‚Nein-Karte’. Luka lacht, findet das ganze lustig. Warum auch nicht?. Er hat Frau J. ‚Knöpfe’ gefunden. Sie mag es nicht, dass man bestimmte Sachen auseinander nimmt und sie mag es nicht, wenn man schwere Sachen wirft. Und jedes Mal wenn Luka es macht, passiert etwas. Das nennt man Pay-Off. Er kriegt ein Kärtchen gezeigt und sie sagt Nein, steht auf und packt Dinge weg. Wie interessant! Luka wirft erneut Bauklötzer. „Stopp“, ruft Frau J. mit tiefer Stimme und macht eine Stoppbewegung mit der Hand. Sie zückt erneut die Nein-Karte. Viel Glück, Frau J. Luka kommt wieder zu uns, nimmt sich auf dem Weg ein Kissen und reicht es mir. „Oh, danke Luka, du gibst mir etwas. Wie toll!“ jubele ich und reiße ihn dabei spielerisch in die Luft. Ich sehe wie Frau J. etwas in sich zusammensinkt. Ich bin kurz davor mich zu entschuldigen, aber, mein Gott, unser Kind nimmt Kontakt zu mir auf, gibt mir etwas, schaut mir dabei in die Augen. Und dann soll ich ihn nicht dafür feiern? Aber ich sehe es ein. Sie wird nie eine Chance haben, dass er sich mehr mit ihr beschäftigt und weniger mit uns, wenn ich so weiter mache und ihr die Show stehle. Ich schalte auf meinen ‚ich bin langweilig-Modus’, erwidere den Blickkontakt von Luka nicht, reagiere nur verhalten auf seine Interaktionsversuche. Als nächsten zieht Frau J. die Puppenwiege an sich heran und zeigt Luka, während er auf Chrishys Schoß Platz genommen hat, wie man eine Puppe zudeckt. Freudig strahlend zieht sie der Puppe die Decke übers Gesicht und ruft „Kuckuck“. Luka schaut sie dabei an. Er scheint das Spiel zu mögen. Ja, das gefällt mir auch, Lebensfreude, Spaß und Enthusiasmus – das sieht mir mehr nach Spielraum aus. Ich freue mich, meine Nacken- und Schultermuskeln entspannen sich fühlbar, meine Atmung wird wieder tiefer. Nun reicht sie ihm die Decke.Luka schreckt zurück. Die nächsten fünf Minuten wiederholt Frau J. das Spiel, dann steht sie auf und geht zum Maltisch, beginnt zu malen. Ich gucke auf die Uhr. Noch fünf Minuten, dann ist unsere Zeit um. Luka steht auf und geht zu ihr hin. Typisch, wie auch in der Piklergruppe braucht er einfach Zeit, um erst einmal anzukommen. Frau J. malt und Luka schüttet alle Stifte aus dem Becher. Frau J. zeigt ihm, wie man sie wieder in den Becher packt. Er schüttet sie erneut aus. Frau J. zeigt ihm, wie man sie wieder in den Becher packt. Immer wieder und wieder. Dabei macht sie einen ernsten, werktüchtigen Gesichtsausdruck. Ist das eine Wertung? Auskippen ist schlecht, aufräumen ist gut? Ich verliere die Lust, weiterhin zuzugucken, sehne mich danach, mit Luka wieder nach Hause zu gehen vom viel gelobten  Ansatz los zu kommen, wie sich später heraustellen soll. Will lieber mit Luka in seinem Ja-Raum spielen. Naja, vielleicht wird das zweite Mal besser laufen. Sie muss Luka ja auch erst einmal kennen lernen.

Dennoch merke ich ihn mir eindeutig einen Vorliebe zum Ansatz der Kaufmanns und nur wenig Anziehung zu dem, was ich die letzen fünfundvierzig Minuten beobachten durfte. „Die Zeit ist um“, sagt Frau J. nun und beginnt aufzuräumen. „Danke Luka, dass du mit mir gespielt hast. Ich freu mich auf nächste Woche, wenn du wieder kommst“. Frau J. machte die Tür auf. Nun will Luka aber nicht gehen. Er ist nun angekommen und er geht im Spielzimmer auf Entdeckungsreise. „Das ist unser Kind“, bemerkt Chrishy lachend zu Frau J., „wenn es vorbei ist, ist er da und will loslegen. Er braucht die Zeit zum ankommen“. Frau J. nickt. „Komm Luka, wir gehen“, sage ich zu ihm. Er kommt zu mir gelaufen und ruft „hoch“. „Au Ja“, ich klatsche vor Freude in die Hände, gehe auf ihn zu mit freudiger Spannung im Gesicht und im ganzen Körper, bleibe dann aber vor ihm stehen und frage „Aber wer will hoch? Mama? Frau J.? oder…“

„Lulu“, flüstert er, „Lullu“. „Oh Luka, du sagst LuLu und du meinst dich dabei: Luka! Oh, mein LuLu! – oh mein Luka“ Ich wirbele ihn in die Luft und trage ihn auf den Arm zum Anziehstuhl, kann ihn dort problemlos anziehen. Chrishy wirft mir den Blick zu, der mir zu sagen gibt, dass ihr etwas nicht passt. Dabei runzelt sie immer so die Stirn. Okay, okay, das war wohl zu viel des Guten.

„Bis nächste Woche. Tschüss Luka!“, ruft Frau J. zum Abschied. Die Tür ging hinter uns zu. Chrishy und ich wir sehen uns an. „Deniz, du hast wieder einen Showcase veranstaltet!“ „Ja, ich weiß, entschuldige bitte. Ich habe mich aber auch wirklich zusammengerissen, so gut ich konnte. Was glaubst du, wie oft ich etwas sagen wollte oder lieber selbst mit Luka gespielt hätte. Nächstes Mal komme ich nicht mehr mit. Ich trage zu viel negative Spannung in den Raum und Luka ist zu fixiert auf mich“. „Lass uns zu Hause in Ruhe darüber reden“, entgegnet Chrishy. Als ich hinter ihr die Treppe hinunter gehe, sehe ich es ihrem Gang an, dass auch sie die Praxis mit weniger Energie verlässt, als sie sie betreten hat…

Fortsetzung folgt