Paul (3), Bremen

Anna und Jonny, Eltern von Paul (3) aus Bremen, schreiben:

„Noch bis vor Kurzem hat er kaum Blickkontakt mit uns aufgenommen konnte auch nicht sprechen. Er war lange autoaggressiv und riss sich bei Situationen, die überfordernd für ihn waren, die Haare vom Kopf. Er drehte und sortierte stundenlang in stereotyper Art und Weise Gegenstände, kapselte sich komplett ab und flatterte ständig mit seinen Armen. Er ging auf Zehenspitzen und alles ließ den Anschein erwecken, dass er so wenig wie möglich mit dieser Welt in Kontakt treten will. In der Gegenwart von gleichaltrigen Kindern schien er verloren. Die verschiedenen Übergänge die den Alltagsrhythmus störten, gestalteten sich als extrem schwierig, Schreien und Weinen dominierten unseren Alltag. Spontane Änderungen endeten in Wutausbrüchen.

Er konnte keine Entscheidungen treffen und reagierte auch nicht auf Spielangebote. Er weigerte sich auf Toilette zu gehen, rannte im Freien ständig weg und reagierte auch nicht auf seinen Namen. Die unabgeschlossene Haustür kann für uns fatale Folgen haben, da er bis heute kein Gefühl für Gefahren hat, z.B. die im Straßenverkehr. Seine Diagnose: Frühkindlicher Autismus.

Dann kam die Wende: Wir hörten von einem in Deutschland noch recht unbekannten Improtheater und Autismus-Spielraum-Programm: AuJA!

Für uns war klar: Wir wollen unserem Kind auf der Basis der AuJA-Prinzipien helfen. Zumal wir intuitiv schon sehr ähnlich mit Paul gespielt hatten. Durch den Kontakt und Austausch mit den Döhlers wurden wir in diesem Vorhaben sehr bestärkt.für PaulWir spielten autodidaktisch in den letzten Monaten umso intensiver mit Paul so gut wir nur konnten. Alleine in den letzten 2 Monaten konnten wir schon die ersten Erfolge beobachten!

Paul nimmt nun

1. spontaner und von sich aus Blickkontakt mit uns auf,

2. reagiert öfters auf seinen Namen,

3. beginnt, aufs Töpfchen zu gehen,

zeigt 4. sein auto aggressives Verhalten gar nicht mehr

und das schönste ist, dass Paul 5. langsam seine Sprache findet und sogar Körperkontakt einfordert. 

Monatelang durften wir nicht berühren. Dass unser Kind abends ,,kuscheln“ sagt, hätten wir uns vor einem Jahr nicht träumen lassen. 

Hier seht ihr ein Video von Pauls Startwoche! Achtung: mit musikalischer Untermalung am Anfang und Ende des Videos

Was hat AuJA bei mir bewirkt? – Pauls Vater schreib uns kurz vor Ende des AuJA-Jahrestrainings:
Als die Diagnose „frühkindlicher Autismus“ frisch war, fühlte ich mich ohnmächtig,
handlungsunfähig, ich war grundverunsichert. Mein Sohn, den ich bis zu diesem Zeitpunkt,
als zauberhaft eigenwillig und besonders angesehen habe, verwandelte sich vor meinen
Augen in eine laufende Diagnose. Ich hatte Angst. Auf mich prasselten Informationen und
Verhaltenstipps von Fachleuten und Nicht-Fachleuten ein, dass mir ganz schwindelig wurde.
Die Wahrnehmung auf meinen Sohn wurde pathologisch, jede Regung wurde auf
symptomatisches Verhalten hin geprüft. Ich hatte völlig aus dem Blick verloren, dass er ganz
einfach auch ein Kind ist, mit kindlichen Bedürfnissen, vor allem nach elternlicher Liebe.
Die Sorgen und die Verzweiflung darüber, dass das kein Schnupfen, sondern ein
Lebensthema ist, wuchsen mit jedem Tag. Meine eigene Sterblichkeit war plötzlich total
present und hat fürchterlichen Druck ausgelöst. Was ist, wenn ich nicht mehr bin? Wer
kümmert sich dann? Kommt der kleine Mann zurecht im Leben?
Eins war mir schnell klar, wenn sich wer bewegen muss, dann sind wir Eltern das. Unser
Junge ist der Gleiche geblieben, nur unsere Sicht auf ihn hat sich verändert.
Nur wohin?
Alle Optionen, die an uns heran getragen wurden, alle Informationen, die dann kamen, ob
ich sie wollte, oder nicht, alle Theorien über Ursachen und Auswirkungen haben mich eher
noch ohnmächtiger gemacht. Meine Angst wuchs und wurde groß, ja riesig. Ich hab mich
einfach tot gestellt, in der Hoffnung, der Sturm möge an mir vorüber ziehen, irgendwer wird
es schon richten. Lieber nichts tun, als etwas falsches, nicht dass ich mehr kaputt mache, als
es eh schon ist. Bei meiner Frau gab eine ganz ähnliche Gefühlsdynamik, nur ist ihre
Angststrategie eine ganz andere. Sie ist im Selbsterhaltungstrieb, im Fluchtmodus, in
Aktivismus übergegangen. Gefühlt alles, wurde angesehen, alles was das Internet zu bieten
hat, alles was die Ärzte uns sagten wurde in Frage gestellt, alles war ein Grund für noch
größeres Leid. So sehr wir im Grunde miteinander einig waren, in unseren Gefühlen, so
uneins waren wir in unseren Überlebensstrategien. Je mehr Uneinigkeiten wir erlebten, um
so unglücklicher wurden wir mit einander. Und so sehr hat es auch gekracht zwischen uns.
Wir hatten unseren Humor verloren, wir hatten aufgehört mit unserem Leben spielerisch
umzugehen, wir hatten aufgehört miteinander zu flirten. Alles war ernst, alles wurde
existenziell besprochen, alles war eine große Überforderung. Alles war alles, wir waren total
wund. Die Nerven lagen blank.
So waren wir zwei Eltern übereinander unglücklich und wir waren unglücklich über die
Diagnose unseres Kindes. Und unser Kind? Ich war nicht in der Lage wirklich zu sehen, ob
es ihm gut, oder schlecht ging. Ich weiß nicht, was das alles bei ihm bewirkt hat. Was ich
weiß ist, in dieser Zeit, hat er wesentlich weniger gelacht, war autoagressiv, hat sich in
dunklen Ecken versteckt, hat körperliche Nähe verweigert, hat ohne offensichtlichen Grund
zu weinen angefangen, er zog sich zurück und seine Sprache entwickelte sich in eine andere
Richtung als vorher, sie wurde verwaschener bis hin, dass nur noch Laute und Gebrabbel
aus ihm rauskamen.
So sehr mich der Aktivismus meiner Frau zu der Zeit in Panik versetzt hat, so dankbar bin
ich heute dafür.
Euphorisiert setzte sie mich vor den Rechner und zeigte mir einen relativ kurzen Clip auf
Youtube in dem Deniz Döhler zu sehen ist. Er hält darin einen kleinen Vortrag über deren
Projekt, AUJA.
Er hat so klar und einfach von seinem Vorgehen berichtet, dass mir nichts anderes übrig
blieb, als auch Auja zu sagen. Es war das erste Mal seit der Diagnose, dass ich das Gefühl
hatte, ich kann etwas tun und ich will es auch. Ich habe die Sinnhaftigkeit so zu handeln, wie
dieser Typ das auf Youtube beschreibt, sofort verstanden. Und er war auch der erste, der
mich nicht mit Ursachen, mit Fehlersuche in der Vergangenheit, belastet hat. Wie sich
nämlich rausgestellt hat, ist die Forschung sich über die Ursachen von Autismus wahnsinnig
​uneing. So uneinig, dass ich mir das selbst zusammenreimen kann, wie ich lustig bin. Sie
bringt mich also auch nicht weiter. Nein, dieser Mann, in diesem kurzen Clip, hat mir
bildhaft klar gemacht, dass es etwas zu untersuchen, etwas zu tun gibt. Was zu untersuchen
und was damit tun ist, liegt weder in der Vergangenheit, noch in der Zukunft, sondern genau
in der Gegenwart, im Jetzt und hier. Dieses kleine Video hat mir Hoffnung gegeben. Ich
wollte das auch. Ich war sofort ein Freund dieser Idee.
Und obwohl das so war, wäre es nach mir gegangen, würden wir bis heute noch keinen
Kontakt zu den Döhlers haben. Meine Frau hatte Deniz schon kontaktiert, bevor ich nur
darüber nachgedacht hätte. Die Resonanz kam sehr schnell. Und dann ging alles sehr,… noch
schneller, – die Ereignisse überschlugen sich. Plötzlich wurde aus einer Leidensgeschichte
eine Erfolgsgeschichte.
Auja hat mich von meinem Ohnmachtsgefühl befreit, es hat mich zurück geführt, mein Kind
so anzusehen, wie es im Moment ist, es hat mir den Flirt mit meiner Frau und den Humor in
unsere Familie zurück gebracht.
Wir wachsen gemeinsam mit großer Lust. Unser Sohn lacht wieder, sucht unsere Nähe,
spricht uns direkt an, weil er seine Wirksamkeit spürt und wir spüren unsere auch.
Das alles ist kein Hexenwerk, jeder kann das, es bedarf nichts, außer einem
Haltungswechsel, einem der zum Leben „ja“ sagt.
Seit „Auja“ bin ich weniger streng mit mir, viel geduldiger, ich gestatte mir Fehler zu
machen.
Der Blick auf meinen Sohn ist wieder liebe- und nicht sorgenvoll, wir haben Spaß
miteinander, er ist wieder dieses wunderbare Geschenk, wie bei seiner Geburt. Durch ihn
darf ich meine Welt, wie ich sie kennengelernt habe, nocheinmal ganz neu entdecken.
Darüber kann ich weinen vor Glück, ich bin unendlich dankbar für diese Chance.