Till (17), Köln

Tills Familie erzählt hier seine Geschichte:

Seit mehreren Jahren ist uns bekannt, dass Till eine andere Wahrnehmung hat, die sich atypischer Autismus nennt. Dabei fällt es ihm schwer, sensorische, akustische oder visuelle Reize zu verarbeiten. Häufig entsteht bei ihm ein großes Durcheinander im Kopf, wogegen er sich schützt, indem er in seine eigene Welt abtaucht. In dieser Welt hat er dann weniger Stress, hat aber auch wenig Chancen, mit seiner Umwelt zu interagieren, was wichtig wäre, um sich gesund entwickeln zu können. In den vergangenen Jahren haben wir keine Mühen gescheut, Till darin zu unterstützen, in unserer Welt besser klar zu kommen. Auf der Suche nach den besten Therapeuten waren wir europaweit unterwegs. Till wuchs und gedieh, allerdings nicht immer so, wie wir es uns gewünscht hätten: Die Pubertät, in welcher er sich noch immer befindet, hat vieles für Ihn und damit auch für uns unerträglich werden lassen. Mehr noch als gesunde Jugendliche fand er sich nicht mehr in seinem Körper zurecht, was ihn sehr wütend werden ließ und ihn so in die Verzweiflung trieb, dass er mit schweren Tics und Stereotypien reagierte, die eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zunehmend unmöglich machten. Der Sommer 2014 war eine sehr anstrengende Zeit, in welcher sich nicht nur Till zunehmend von der Gesellschaft isolierte, sondern auch wir mit ihm. Wir waren allein mit Till. Ärzte und Therapeuten waren auch ratlos. Es war eine sehr intensive Zeit, in welcher wir vieles neu überdenken mussten. Das neue Jahr 2015 begann so wie das alte aufgehört hatte. Till ging es nicht viel besser: Er litt unter Schlafstörungen, Zwängen, Tics und Aggressionen. Beinah zufällig erfuhr ich zum Zeitpunkt größter Verzweiflung von einem Freund von einer so genannten Spielraum-Methode.

Till und AuJA
Mit Beratung der Familie Döhler haben wir im Sommer 2015 zu Hause einen Spielraum für Till gebaut, Deniz Döhler zu einer Startwoche zu uns nach Köln eingeladen, in welcher er uns in die Spielraum-Methode (AuJA) eingewiesen und gecoacht hat. Danach haben wir uns ein Helferteam von inzwischen 18 ehrenamtlichen Helfern (meist Studierende) aufgebaut, die uns bei unserer täglichen Arbeit im Spielraum unterstützen. Für Till heißt das also nun, jeden Tag nach der Schule mit unseren Helfern und uns „Improtheater“ zu spielen. Anfangs war das für ihn nicht einfach, doch inzwischen sehen wir erste Erfolge: So kann Till inzwischen besser den Blickkontakt halten, er reagiert besser auf Ansprache, sein Wortschatz wächst täglich und er kann sich viel besser artikulieren. Wut und Autoaggressionen werden bedeutend weniger. Tics und Stereotypien nehmen ab. Er kann wieder besser im Auto fahren, wodurch seine Mobilität deutlich erhöht ist. Er lacht vielmehr und kommt aus seiner Isolation heraus.

Hier seht ihr ein Video Till und seiner Familie plus Helfer-Team im Spielraum:

 

Auszüge aus Till AuJA Newsletter 2
Köln, Dezember 2016
Liebe Freunde,
nach einem bewegten Jahr 2016 erhaltet ihr unseren zweiten Newsletter, in welchem wir berichten,
wie es Till und uns mit dem AuJA- Spielraumprojekt ergangen ist.
Vorab bedanken wir uns aber bei allen Spendern, die unser Projekt mit insgesamt über
2000€
unterstützt haben und bei unseren Künstlerinnen Eden Kosman und Madeleine Schmidt. Ihre Lieder,
vorgetragen auf unseren Wohnzimmerbenefizkonzerten, klingen noch immer in unseren Ohren und
erfreuen unsere Herzen.
Aufbau und Etablierung des AuJA-Spielraumes in Köln 2015/ 2016
Wie Ihr wisst, waren wir von der AuJA- Startwoche mit Deniz Döhler im Sommer 2015 sehr angetan.
Dennoch hegten wir anfangs etliche Zweifel, inwieweit wir ein solches Projekt, finanziell und vor allen
Dingen personell stemmen können. Woher sollten wir z.B. die vielen ehrenamtlichen Helfer nehmen?
Da half uns unsere Tochter Madeleine, in dem sie unter ihren Freunden die Werbetrommel rührte.
Recht schnell hatten wir ein Dutzend junge Helfer, alle so um die 20 Jahre alt und hoch motiviert und
neugierig auf dies neue künstlerische theaterpädagogische Autismusprojekt. Gemeinsam mit ihnen
sprangen wir ins kalte Wasser. Von Anfang an hatten wir viel Freude miteinander obwohl nahezu
täglich neue Rätsel und Fragen auf uns zukamen. So wollte Till an vielen Tagen gar nicht in den
Spielraum kommen. — Da standen wir nun, hatten unsere Terminkalender freigeschaufelt, um mit Till
zu arbeiten, doch Till wollte nicht mitmachen. War er dann endlich im Spielraum, hatten die Spiele an
manchen Tagen ein sehr hohes Energieniveau, was uns und unsere Helfer so einige Male an die
eigenen Grenzen gebracht hat. An anderen Tagen war so gar keine Energie vorhanden, d.h. auch
wenn Till anwesend war, zog er sich komplett zurück und versteckte sich. Einige Helfer ließ er gar
nicht an sich ran. Andere wurden seine persönlichen Helden. Wir hatten es mit einem bunten
Interaktionsmix zu tun, den zu sortieren uns manchmal völlig überforderte. Da brauchten wir
regelmäßig unsere Supervisoren, die uns wöchentlich coachten und so immer wieder notwendige
Weichen stellten.
Nach über einem Jahr sind wir und unser Team schon professioneller, stabiler und klarer geworden
und so ist der Spielraum in Tills Leben eine stabile Konstante. Darin kann er sich erproben,
Erfahrungen sammeln im Umgang mit Spielpartnern, die er später auf sein reales Leben außerhalb
des geschützten Raumes übertragen kann.
Arbeit an der inneren Haltung
Im vergangenen Jahr wurde uns besonders wichtig auf die eigene Haltung im Umgang mit Tills
Autismus zu achten. Kleine und größere Krisen waren nicht selten Auslöser dafür, uns
zusammenzusetzen, zu sammeln und immer wieder neu zu überlegen, wo wir eigentlich stehen. Wie
war das mit dem bedingungslosen Ja unserem Sohn gegenüber? Konnten wir sein Anderssein wirklich
so annehmen und akzeptieren? Unter welchem Druck standen wir dabei? Was bedeutet das, im
Alltag liebevoll und nicht bewertend zu sein?
„Akzeptieren – loslassen- handeln“ (AuJA- Motto).
Wie soll man loslassen und gleichzeitig handeln? Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen bildete eine
gute Grundlage für unsere Auja- Arbeit mit Till.
Was haben wir erreicht und was ist das Besondere daran?
Uns und somit auch Till wurde sehr viel Druck genommen. Da urch dass in seinem unmittelbaren
Umfeld (Familie und Spielraumhelfer) das Verständnis und die Akzeptanz gewachsen ist, hat er mehr
Raum sich zu entwickeln, was er auch sukzessive tut: Er ist friedfertiger geworden und emotional
bedeutend stabiler, er kann sich besser konzentrieren. Die Aufmerksamkeitsspanne von 10 Minuten
hat sich auf 60 Minuten erhöht. Am meisten freuen wir uns über die Zunahme seiner Dialogfähigkeit.
So kommuniziert er selbständig per Mobiltelefon mit seinen Helfern und macht Termine mit Ihnen. Es
ist gerade eine Freude zu sehen, wie gern er kommuniziert.
Ausblick
Die Entwicklung Tills geht schon in eine gute Richtung. Deshalb wollen wir mit unserem Helferstamm
im Sinne AuJAs weiterarbeiten. Im neuen Jahr wollen wir verstärkt mit Hilfe von Videosupervision
weitere spieltherapeutische Techniken erlernen und uns noch besser schulen, um Till noch
attraktivere Entwicklungsanreize darzubieten. Wir erhoffen uns, dass er dadurch noch flexibler und
geschmeidiger im Umgang mit seinen Mitmenschen wird und erste Interessen entwickelt, wie es mit
ihm in seinem Leben weitergeht.
Zu Beginn des Jahres veranstalten wir im Rahmen eines
Schulpraktikums eine kleine Theaterwoche mit Deniz Döhler, in der wir noch viele Anregungen
bekommen werden ….
 Und aktuelles Feedback aus 2017:

„Lieber Deniz,

 vielen Dank für die Tage mit dir hier bei uns in Köln.

Ich suche noch nach Worten, um zu beschreiben, wie es uns gefallen hat.

 Super, toll, großartig, trifft es nicht genau, also warte ich mal ab, was über die Tage noch so kommt.

Auf jeden Fall bin ich froh, dass sich uns diese Chance geboten hat, wir so ein Zeitfenster fanden, an welchem wir alle konnten, was überdies noch mit Tills Praktikum zusammenfiel. Es war gr0ßartig uns noch einmal vor Ort von dir auf die Finger gucken zu lassen und sehr sehr hilfreich.“

Eure
Roger, Sabine, Madeleine und Till